Pizza, Softdrinks und Gummibärchen – Deutschland bei Gesundheitsprävention hinten
27.03.2026
Deutschland gibt so viel für Gesundheit aus wie kaum ein anderes EU-Land und landet im neuen Public-Health-Index (PHI) trotzdem auf Platz 17 von 18 untersuchten europäischen Staaten. Großbritannien, Finnland und Irland führen die Rangliste an. Ein Grund für das schlechte Abschneiden ist, dass das deutsche Gesundheitssystem vor allem Krankheiten behandelt, statt vorzubeugen.
Der neu entwickelte Public-Health-Index (PHI)* zeigt, wie gut 18 Länder in Nord- und Zentraleuropa wissenschaftlich empfohlene Präventionsmaßnahmen zu Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung umsetzen. Die PHI-Autoren haben untersucht, ob Staaten Tabak und Alkohol wirksam besteuern, Werbung einschränken, gesunde Schulverpflegung sicherstellen oder Kinder vor aggressivem Marketing für ungesunde Produkte schützen. In allen vier Bereichen liegt Deutschland hinten. Bei Tabak, Alkohol und Ernährung rangiert es auf dem letzten Platz, bei Bewegung im unteren Mittelfeld.
Die Top 5 werden von Großbritannien, Finnland, Irland, Norwegen und Frankreich angeführt. Die Spitzenreiter setzen besonders viele der empfohlenen WHO-Empfehlungen um, die eine gesunde Lebensweise fördern. Zum Beispiel gibt es klare Regeln und verbindliche Standards für das Schulessen. Zu den Maßnahmen, die Kinder und Jugendliche schützen, gehören die Ausweitung rauchfreier öffentlicher Räume, höhere Preise für zuckerreiche Lebensmittel und Beschränkungen der zeitlichen und örtlichen Verfügbarkeit.
Die erwähnten Staaten erleichtern Kindern und Jugendlichen, sich gesund zu ernähren. Hersteller-Abgaben für gezuckerte Softdrinks und auch Werbeeinschränkungen für ungesunde Produkte gehören zu den Maßnahmen. Es ist auch hilfreich, wenn es in Schulen oder am Arbeitsplatz entsprechende Infrastruktur und Programme zur Bewegungsförderung angeboten werden.
Strukturelle Defizite
Auffällig ist das schlechte Ergebnis des DACH-Raums. Laut den PHI-Autoren haben Deutschland, Österreich und die Schweiz „besonders wenige der wissenschaftlichen Empfehlungen aufgegriffen“. Die Experten kritisieren vor allem den mangelnden politischen Willen in Deutschland, sich stärker für die Gesundheitsprävention einzusetzen. Die Gründe hierfür: Zum einen möchte sich die Politik mit unpopulären Maßnahmen wie höhere Steuern auf Tabak, Alkohol oder zuckerreiche Getränke nicht unbeliebt machen. Zum anderen ist der Einfluss wirtschaftlicher Interessen sehr hoch.
Hinzu kommen eine zersplitterte Präventionslandschaft, keine durchgreifende Gesamtstrategie und strukturelle Defizite. Der Verweis auf freiwillige Verhaltensänderungen sei nicht hilfreich, denn diese erreichen „vor allem jene, die ohnehin gesundheitsbewusst leben“. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Lebensmittelindustrie sind weitgehend wirkungslos.
Peter von Philipsborn, Leiter des Lehrstuhls für Public Health Nutrition an der Universität Bayreuth und einer der Experten, die den PHI entwickelt haben, benennt das Kernproblem bisheriger Ansätze:
„Sie setzen auf Motivation und individuelles Verhalten, greifen aber zu kurz, wenn die Alltagsbedingungen gesunde Entscheidungen systematisch erschweren.“
Ungesunde Ernährung ist kein individuelles Versagen. Sie hängt von einer Umgebung ab, die Entscheidungen für eine ungesunde Lebensweise begünstigt. Der Wissenschaftler betont, dass nachhaltige Ernährungspolitik dort ansetzen muss, wo diese Umgebung gestaltet wird: also bei Werbung, Preisen, Verfügbarkeit und Präsentation von Lebensmitteln.
Deutschland braucht eine umfassende, gesetzlich abgesicherte Präventionspolitik und zwar entlang der WHO-Leitlinien, mahnen die PHI-Autoren an. Mit gesundheitsorientierter Besteuerung, konsequentem Kinder- und Jugendschutz, strengeren Werbebeschränkungen und besseren Rahmenbedingungen für gesunde Ernährung und Bewegung im Alltag. Investitionen in Prävention sind der Schlüssel dafür, die Krankheitslast und damit die Kosten für das Gesundheitssystem zu senken. Außerdem entlasten sie die Kranken- und Pflegeversicherung und stärken die Produktivität.
*Public-Health-Index
Der Public Health Index zeigt und vergleicht den Umsetzungsstand wissenschaftlich empfohlener Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensweisen in 18 europäischen Ländern. Der Index identifiziert Schwachstellen und Verbesserungspotenziale der deutschen Präventionspolitik und liefert anhand erfolgreicher europäischer Maßnahmen Impulse zur systematischen Weiterentwicklung. Der PHI ist ein Kooperationsprojekt des AOK-Bundesverbandes und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ).
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