Innovationsstau durch inkohärente Unternehmensstrategie
27.02.2026
Bislang wurde bei der Diskussion über die Krise der deutschen Industrie auf Standortkosten und auf vermeintliche Akzeptanzprobleme der Beschäftigten verwiesen. Dabei liegt es nicht am Personal, wie eine empirische Studie des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München) zeigt. Vielmehr mangelt es an einer kohärenten Unternehmensstrategie, die Qualifizierung, Ressourcen und organisationalen Wandel konsequent zusammenführt.
Die Studie „Widersprüche der Transformation aus der Perspektive der Beschäftigten“ basiert auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 4.000 Beschäftigten und wird durch vertiefenden Fallstudien ergänzt. Die Befragten arbeiten in Branchen wie der Automobilindustrie, der Informations- und Kommunikationswirtschaft, den Finanzdienstleistungen und der Energieversorgung. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand, wie die Beschäftigten die Digitalisierung, Dekarbonisierung und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle erleben.
Die große Mehrheit bewertet die Veränderungen ambivalent oder sieht Chancen. Nur 15 Prozent derjenigen, die konkrete Transformationsprozesse erleben, verbinden diese primär mit Risiken.
„Die Beschäftigten nehmen die Transformation realistisch wahr – weder unkritisch noch grundsätzlich ablehnend“, stellt ISF-Forscher Thomas Lühr fest.
Sein Kollege Andreas Boes konstatiert:
„Viele Unternehmen bearbeiten den Übergang in eine neue industrielle Produktionsweise noch mit Steuerungslogiken aus der alten Welt. Das blockiert Innovationspotenziale.“
Die Autoren identifizieren drei Mechanismen organisationaler Innovationsblockade:
- Neue digitale Geschäftsmodelle scheitern oft an internen Machtkonflikten, politischer Abhängigkeit von etablierten Geschäftsbereichen und fehlenden Ressourcen.
- Neue Arbeitsformen wie agile Organisation prallen auf traditionelle bürokratische Steuerungslogiken.
- Vielen Unternehmen fehlt eine klare strategische Orientierung, die den Beschäftigten verlässliche Perspektiven für Qualifizierung und Entwicklung bietet.
Mangelnde Steuerung
Die Studienautoren schließen aus ihren Ergebnissen, dass die gängigen Erklärungen für die Krise der deutschen Industrie die Ursachen nur unzureichend erfassen: Beschäftigte sind grundsätzlich offen für Wandel. Vielmehr blockiert eine unzureichende organisationale Steuerung und Koordination die Transformationsprozesse selbst.
Dies deckt sich mit der Analyse des Innovationsindikators 2025: Für ihre Studie haben BDI, Roland Berger, Fraunhofer ISI und ZEW 35 Volkswirtschaften in den Bereichen Innovationsfähigkeit, Schlüsseltechnologien und Nachhaltigkeit durchleuchtet. Die wichtigsten Ergebnisse für Deutschland:
Deutschland hält zwar seinen 12. Rang in der Innovationsrangliste, hat jedoch in wichtigen Indikatoren wie FuE-Ausgaben und transnationalen Patenten an Boden verloren.
Die Innovationsleistung deutscher Unternehmen hat sich verschlechtert – insbesondere im Bereich der Digitalisierung, bei transnationalen Patenten sowie bei der Wertschöpfung in der Hochtechnologie.
Andere Länder auch betroffen
Im Bereich der wissenschaftlichen Leistung hat Deutschland keine nennenswerte Verbesserung erreicht. Dies zeigt sich in stagnierenden Publikations- und Patentzahlen. Schon lange bremst sich das Land mit überbordender Regulierung, langen Genehmigungsverfahren, einer inkonsistenten Innovationspolitik und einem Innovationssystem, das nur auf schrittweise Verbesserungen setzt, selbst aus.
Daten des „Europäischen Innovationsanzeigers 2025“ (European Innovation Scoreboard) zeigen, dass Deutschland hinter Spitzenreitern wie der Schweiz, Schweden oder den USA zurückbleibt. Allerdings sind die genannten strukturellen Probleme kein ausschließlich deutsches Phänomen, sondern zeigen sich auch im weiteren europäischen und im globalen Umfeld.
Die Empfehlungen der ISF-Forscher für die betriebliche Praxis: Bei der Planung von Transformationsprogrammen sollten nicht nur Technologien, sondern auch Organisationsstrukturen, Entscheidungswege und Anreizsysteme berücksichtigt werden.
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