Bei ihrer Jagd nach Grünen Weberameisen baut die Ballista-Spinne eine hocheffiziente Wurfschleuder aus Spinnenseide.
„Die Entdeckung zeigt, wie weit Spezialisierung in der Natur gehen kann. Aus dem ständigen Wettstreit zwischen Räuber und Beute ist eine Falle entstanden, die zu den leistungsfähigsten biomechanischen Systemen gehört, die bislang bekannt sind“, erklärt Biologe Jonas O. Wolff von der Uni Greifswald.
Foto: Ajay Narendra

Spinnen-Katapult: mit Schleuderkraft auf Ameisenjagd

20.08.2026

Eine kleine Spinne aus dem australischen Queensland hat eine innovative Jagdtechnik entwickelt: Sie fängt eine aggressive Ameisenart mit einem Katapult aus Seidenfäden. Dabei löst die Grüne Weberameise die Falle selbst aus und schießt sich mit großer Wucht ins Spinnennetz. Die Innovation der sogenannten Ballista-Spinne könnte als Vorbild für energieeffiziente bionische Systeme dienen.

Sie ist klein, nachtaktiv und bislang noch nicht offiziell wissenschaftlich beschrieben. Ihren vorläufigen Namen verdankt sie in Anlehnung an eine antike Waffe: der Balliste, einem Torsionsgeschütz aus der griechisch-römischen Kriegsführung. Denn die Spinne baut in den tropischen Regenwäldern Nord-Queenslands eine gespannt gelagerte Abschussvorrichtung.

Das Tier, das sich tagsüber auf der Unterseite von Blättern versteckt, baut in den Abendstunden sein Netz gezielt an Stellen, an denen Grüne Weberameisen (Oecophylla smaragdina) unterwegs sind. Das ist eine riskante Spezialisierung. Denn diese Ameisen leben in Kolonien mit bis zu fünf Millionen Arbeiterinnen in einem einzigen Baumnest. Sie verteidigen ihr Revier aggressiv und können mit ihren Mundwerkzeugen kräftig zubeißen. Ein direkter Angriff der kleinen Ballista-Spinne (Propostira sp.) wäre unklug. Also lässt sie der Ameise den Vortritt.

Angriff als Auslöser

Für den Bau der Falle spannt sie zwischen Ästen und Blättern einen fächerförmigen Kegel aus 15 bis 60 Seidenfäden. Diese Konstruktion steht unter Spannung und ist mit der Sehne eines Bogens vergleichbar. Nähert sich eine Weberameise, untersucht sie das auffällige Gebilde mit den Fühlern und beißt schließlich zu.

Genau das löst die Falle aus: Der Kegel wird von seiner Verankerung gelöst und die Ameise mitgerissen, da sie die Seide immer noch mit ihren Mandibeln festhält. Dabei wird sie binnen 40 Millisekunden fast 30 Zentimeter weit in das Hauptnetz katapultiert.

Extreme Beschleunigung

Messungen ergaben Geschwindigkeiten von bis zu 4,4 Metern pro Sekunde und Beschleunigungen von über 1300 Meter pro Quadratsekunde. Das entspricht 133 g. Zum Vergleich: Ein Kampfjet erreicht 9 g, ein Raketenstart 4 bis 5g. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Wucht: Die Falle schleudert die Beute weg von möglichen Helferinnen aus ihrer Kolonie. Hat sich die Ameise erst einmal verheddert, wird sie anschließend weiter mit Seide eingewickelt.

„Es ist eines der leistungsstärksten bekannten Fangsysteme im Tierreich. Die Falle speichert elastische Energie in den gespannten Seidenfäden und setzt sie schlagartig frei, ähnlich wie eine vorgespannte Feder. Die dabei erreichten Leistungswerte liegen um mehrere Größenordnungen über dem, was Muskeln allein erzeugen könnten. Selbst andere Spinnen mit katapultartigen Fangnetzen werden übertroffen“, erläutert Hauptautor der Studie, Jonas O. Wolff, Uni Greifswald.

Bionische Anwendungen

Die biomechanische Leistungsfähigkeit der Falle entsteht aus dem Zusammenspiel von Seide, Netzarchitektur und Auslösemechanismus: Viele dünne Fäden speichern Energie. Ein externer Reiz löst sie diese Energie schlagartig aus, wodurch eine präzise Bewegung entsteht.

Mit dieser innovativen Jagdtechnik gelingt es der Ballista-Spinne, einzelne Grüne Weberameisen aus einer äußerst aggressiven Gruppe herauszulösen. Damit kann sich die kleine Jägerin das ganze Jahr über eine sichere Nahrungsquelle erschließen.

Für Bionik-Ingenieure zeigen sich in Art und Ausführung der Falle faszinierende Prinzipien:

  • Energie ohne Motor speichern: Die vorgespannte, elastische Faserstruktur setzt die gespeicherte elastische Energie in Millisekunden frei. Das ermöglicht schnelle Bewegungen bei geringem Gewicht und Energiebedarf.
  • Kraft verteilen statt verstärken: 15 bis 60 gespannte Fäden bündeln ihre Wirkung. Ein Ausfall einzelner Fäden wäre vermutlich weniger kritisch als bei einer einzelnen, dicken Feder. Dies legt Prinzipien für leichte, fehlertolerante Strukturen nahe.
  • Sensor und Aktor koppeln: Die Beute aktiviert die Falle selbst. Übertragen auf die Technik bedeutet das: Ein Bauteil könnte bei Berührung, Belastung oder Vibration unmittelbar reagieren, ohne dass dafür eine komplexe Sensorik, Datenverarbeitung und Stromversorgung nötig wäre.
  • Distanz als Sicherheitsstrategie: Die Falle befördert die wehrhafte Ameise ins Hauptnetz, während sich die Spinne in sicherer Distanz von der gefährlichen Gegnerin befindet. Dieses Prinzip wäre für die Robotik interessant, wenn Objekte berührungslos bewegt, gesichert oder aus einer Gefahrenzone entfernt werden sollen.

Auf Basis solcher Prinzipien ließen sich künftig technische Systeme leichter, energiesparender und reaktionsfähiger bauen.

 

 

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