Pestizide vergiften jährlich mehr als 400 Millionen Menschen – EU lockert Zulassung
25.09.2026
Weltweit leiden jährlich über 400 Millionen Menschen, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind, an einer Pestizidvergiftung. Schätzungsweise rund 11.000 sterben daran. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie. Gleichzeitig plant die EU, die Kontrolle von Pestiziden zu schwächen.
Die im September 2026 in „Frontiers in Public Health“ veröffentlichte Studie kommt zu folgendem Ergebnis: Jährlich erkranken zwischen 402 und 433 Millionen Menschen an einer akuten Pestizidvergiftung. Das entspricht fast der Hälfte der Beschäftigten in der Landwirtschaft weltweit. Die Daten basieren auf WHO-Mortalitätsstatistiken und einer systematischen Auswertung von Studien aus 139 Ländern.
Die meisten Vergiftungen geschehen im Globalen Süden, insbesondere in Süd- und Südostasien sowie in Ostafrika, wo Schutzkleidung oft fehlt und hochgiftige Mittel verbreitet sind. Die Studienautoren schätzen die weltweite Zahl der Todesfälle durch unbeabsichtigte Pestizidvergiftungen auf etwa 11.000 pro Jahr. Fast 60 % davon ereigneten sich in Indien. Doch auch Europa ist betroffen. Messungen zeigen Pestizidrückstände selbst in entlegenen Gebieten wie der Zugspitze. Die betroffenen Menschen leiden an akuten Symptomen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Atemnot, Erbrechen oder Hautausschlägen. Langfristig erhöht sich das Risiko für Krebs, Parkinson und andere chronische Erkrankungen.
Schulungen und unabhängige Beratung
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) fordern in gemeinsamen Leitlinien eine bessere Schutzausrüstung, verpflichtende Schulungen im Umgang mit Pestiziden sowie einen schnelleren Zugang zu weniger giftigen Alternativen. Zudem sei der Ausbau unabhängiger, agrarökologischer Beratung für Landwirte wichtig.
Bisher dominieren Berater, die von Agrarkonzernen bezahlt werden und naturgemäß deren Produkte empfehlen. Ein strukturelles Problem, das in der EU bzw. in Deutschland kritisiert wird.
„Das ist, als würde der Tabakkonzern die Raucherberatung machen“, erklärt Moritz Tapp, Referent für Landwirtschaft des Umweltinstituts München.
Frankreich zeigt, wie es gehen kann: Als erstes EU-Land hat es 2022 die Trennung von Pestizidberatung und -verkauf gesetzlich vorgeschrieben, um Interessenkonflikte zu verhindern. Abhilfe schaffen könnte ein öffentlich finanziertes, neutrales Beratungssystem. Landwirtschaftskammern, Umweltverbände oder unabhängige Forschungsstationen könnten Landwirte dabei unterstützen, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren und stattdessen auf integrierten Pflanzenschutz, Fruchtfolgen oder biologische Schädlingsbekämpfung umzusteigen.
Kritik an EU-Plänen
Genau in die entgegengesetzte Richtung geht das sogenannte „Omnibus X“-Paket der EU-Kommission zur Verwaltungsvereinfachung. Bis vor kurzem mussten Pestizid-Wirkstoffe alle zehn bis 15 Jahre nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft neu bewertet werden. Künftig soll eine erteilte Zulassung dauerhaft gültig bleiben. Es sei denn, es gibt einen konkreten Anlass zur Neubewertung.
Diese Pläne stoßen auf Kritik: So warnt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, dass „das aktuelle Schutzniveau für Mensch und Umwelt dann nicht mehr gewahrt werden kann“. Das Umweltinstitut München und das Corporate Europe Observatory sprechen von einem „von der Industrie mitgeschriebenen Gesetz“, das Gesundheit und Umwelt aufs Spiel setze.
Laufzeiten bis zu 25 Jahre
Eine Analyse von BR-Data (Bayerischer Rundfunk) zeigt: Von 241 seit 2011 überprüften Wirkstoffen fielen 54 bei der Neubewertung durch. Darunter sind Pestizide, die jahrzehntelang auf Europas Feldern ausgebracht wurden. So wurde beispielsweise das Insektizid Chlorpyrifos gegen Schädlinge im Obst-, Gemüse- und Getreideanbau eingesetzt. Bei der Neubewertung stellte sich jedoch heraus, dass der Stoff die Gehirnentwicklung von Kindern schädigen kann.
„Die weltweit größten Pestizidhersteller – Syngenta, Bayer/Monsanto, Corteva und BASF – produzieren einige der gefährlichsten Pestizide der Welt. Während diese Unternehmen jedes Jahr immense Gewinne aus der aggressiven Vermarktung und dem Verkauf gefährlicher Pestizide erzielen, sind es die Landwirte und Arbeiterinnen im Globalen Süden, die die Kosten tragen und mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben dafür bezahlen…“, sagt Allison Davis, Geschäftsführerin von *PAN North America.
*Die Sektion ist Teil des Pesticide Action Network International (PAN). Dabei handelt es sich um ein globales Netzwerk aus 600 Nichtregierungsorganisationen, Institutionen und Einzelpersonen in 90 Ländern. Es setzt sich dafür ein, gefährliche Pestizide durch umweltschonende und sozial gerechte Alternativen zu ersetzen.
Aktualisierung 08.10.2026: Der Rat der EU hat kürzlich seine Position zu dem Kommissionsvorschlag vorgelegt. Demnach soll eine befristete Zulassung beibehalten werden, die Laufzeit aber auf bis zu 25 Jahre verlängert werden.
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